Unser erstes Radio

 

Als ich neun Jahre alt (1958) war, kaufte mein Vater das erste Radio. Es war ein tolles Gerät: Ein Nordmende Othello mit Kurzwellenbereich, Peilantenne und Hifi-Klang. Nach all den Entbehrungen im Krieg hatte er es sich so sehr gewünscht. Mich faszinierte, dass aus diesem Kasten heraus Musik und Sprache zu hören war. Immer wieder sah ich hinten durch die Lüftungslöcher in das Innere des Gerätes um etwas zu erkennen. Da war niemand drin und es bewegte sich auch nichts. Ich konnte mich an dem orangefarbigen Leuchten gar nicht genug sattsehen. Mein Vater zeigte mir die Bedienung. Er war wohl stolz, dass mich das Gerät auch fesselte. Auf Kurzwelle hörte ich Radio China. Ich verstand zwar die Sprache nicht, aber in der Ansage hörte ich immer wieder den Landesnamen heraus. Die Radiowellen wurden in China auf die Reise geschickt und hier mit einem Stück Draht wieder eingefangen. Das war mir unbegreiflich. Und jeden Tag entdeckte ich neue Sender. 

 

Die Anfänge

Eines Tages hörte ich auf Kurzwelle im 40m-Band Sprechfunkverkehr. Und das regelmäßig. Nach einiger Zeit bekam ich heraus, dass es Funkamateure waren. Sie unterhielten sich über Antennen, Sender und andere technische Einrichtungen. Das war so spannend für mich, dass ich immer öfter dieses Band aufsuchte. Inzwischen war ich 14 Jahre alt und fand in der Schulbibliothek ein Buch mit einer Schaltung für einen Detektorempfänger. Zu Weihnachten bekam ich einen Lötkolben geschenkt. Aus einem alten Radio baute ich den Drehkondensator aus und die Spule war schnell gewickelt. Für 5 DM habe ich in Bad Salzuflen bei Radio Schmidt einen Kristalldetektor gekauft. Den Kopfhörer mit 2000 Ohm Impedanz hatte ich schon. Im Garten war schnell ein langer Draht gespannt und schon hörte ich laut und deutlich den Ortssender auf MW.     

 

Die Krankenschwester und das Neugeborene 

          Mit 15 Jahren bin ich dem Deutschen Amateur Radio Club beigetreten. Regelmäßig  ging ich zu den Vereinstreffen im Hinterzimmer einer Gaststätte. Da hörte ich folgende Geschichte: Die Frau von Günter, eines dort anwesenden Funkamateurs war Krankenschwester im örtlichen Krankenhaus. Sie kam von der Spätschicht nach Hause und erzählte ihm voller Stolz, dass die Frau von Peter, einem im gleichen Ort wohnhaften Funkamateur und guter Freund der Familie, einen gesunden Sohn geboren hatte. Er hatte kein Telefon, sodass Peter noch nichts von seinem Glück wusste. Günter hatte gerade den Funkkontakt mit seinem Funkfreud Jean in Brasilien unterbrochen um seine Frau zu begrüßen. Da dieser ebenfalls Peter kannte, erzählte er ihm direkt die gute Nachricht. Günter verabschiedete sich, um noch den Abend mit seiner Frau zu genießen. Was Günter nicht mehr mitbekam war, dass Peter jetzt auch Kontakt zu Jean gefunden hatte. Sie trafen sich oft zusammen mit Günter auf dem 20m-Band. Jean gratulierte ihm direkt zu seinem frischgeborenen Sohn. Peter fiel aus allen Wolken, er hatte erst in ein paar Tagen mit der Niederkunft seiner Frau gerechnet. Er bedankte sich für die frohe Botschaft und ging gleich am nächsten Morgen ins Krankenhaus. Dort wunderte man sich, dass er schon von seinem Sohn wusste. 

 

 Funken am Windberg  

Herbst. Tagsüber waren es noch 10 Grad. Weil die Sonne schien, war es angenehm. Nachts wurde es kalt und feucht in dem provisorischen Zelt. Harald, DC6LC, benutze es bei der Post um in einem Kabelschacht trocken arbeiten zu können. Wir nahmen an einem 24-stündigen europäischen UKW-Contest teil. Es galt dabei soviel Funkverbindungen wie möglich abzuwickeln. Man tauschte nur das Rufzeichen, eine laufende Nummer und den Rapport aus. Der Rapport ist ein Maß für die empfangene Signalstärke und der Verbindungsqualität. Normalerweise  beträgt die Reichweite eines UKW-Signals etwa 50 km. Wir hatten einen selbstgebauten Sende-Empfänger mit 25 Watt Leistung. Die Mehrelementantenne hatten wir an einer Fichtenstange befestigt, die wir aus dem Zelt heraus nur mühsam drehen konnten. Die Funkstation und das spärliche Licht wurden von einer Autobatterie gespeist. Durch den erhöhten Standort im lippischen Bergland hatten wir gute Voraussetzungen viele und weite Funkverbindungen abzuwickeln. An diesem Tag herrschten auch besonders gute  atmosphärische Bedingungen. So erreichten wir ohne Mühe auch holländische und dänische Stationen. Plötzlich tauchte eine Station aus der 700 km entfernten Schweiz auf. Wir konnten deren Signal einwandfrei aufnehmen. Als wir dran waren, wurden die Bedingungen drastisch schlechter. Unsere Angaben kamen nicht mehr fehlerfrei durch. Wir wiederholten immer wieder unsere Daten, vergebens. Dann griff ich zum Sende-Empfangsumschalter und morste langsam die fehlenden Daten. Jetzt hörten wir aus dem Lautsprecher noch ein deutliches  ´Roger´. Das war die ersehnte Bestätigung! Dann hörten wir nur noch Rauschen. Welch ein Erfolg!  

 

 Überlange Kurzwellen-Funkantenne

Am VW-Passat hatte ich aus der alten Autoradio-Antenne die Teleskopsegmente entfernt und statt dessen einen etwa 8mm dicken Federstahlstab eingesetzt, der einen halben Meter oben aus dem Kotflügel herausragte. Darüber steckte ich eine langes Distanzrohr mit ca. 20mm Außerndurchmesser. Darauf passte jetzt meine drei Meter lange Angelrute, die mit etwa 40m Draht bewickelt war, als Wendelantenne. Mit einem selbstgebauten Anpassgerät im Wageninneren konnte ich alle Bänder von 10 m bis 80 m abstimmen. Die Antenne funktionierte hervorragend. Das war ein Superteil! Bei 160 km/h bog sie sich auffällig nach hinten ohne zu brechen. Und das fiel bei Gelsenkirchen der Autobahnpolizei auf. Die Beamten leiteten mich auf den nächsten Parkplatz und verlangten erstmal die Papiere. Dann stellte einer der beiden fest, dass das, was ich da als CB-Funk-Antenne hätte, wohl verboten wäre. Und überhaupt, den Nachbrenner da im Auto, den baut er wegen Beweissicherung jetzt sofort aus. Da habe ich erstmal geschluckt, ihm aber sachlich erwidert, dass das hier eine Amateurfunkstation sei, und dass das alles im Rahmen des geltenden Amateurfunkgesetzes und der Straßenverkehrsordnung sei. Ich zeigte ihm meine Lizenzurkunde. Als er den Bundesadler auf dem grauen Dokument sah und die Stempel der Bundespost, wurde er nachdenklich. Sein Kollege telefonierte mit der Zentrale und kam nach einer Weile ganz freundlich zurück. Das wäre in Ordnung mit meiner Funkanlage. Aber die große Antenne mache ihnen Sorgen. So füllte er eine Aufforderung zur technischen Überprüfung aus, die ich dann nach der Kontrolle vom TÜV unterschrieben wieder an die Polizeibehörde schicken sollte. Damit fuhr ich umgehend zum TÜV. Der Beamte (damals hießen die noch so) staunte nicht schlecht über meine Antenne und hatte auch anfangs Zweifel ob die der geltenden Straßenverkehrsordnung genügt. Er holte eine 4m lange Latte aus der Werkstatt und legte sie zum Vergleich an. Die Antenne blieb 5cm unter der zulässigen Höhe. Dann bog er sie noch zu allen Seiten um festzustellen ob sie unterhalb 2m Höhe über die Karosserie hinaus ragt. Das war nicht der Fall, also bekam ich meinen ersehnten Stempel für die Unbedenklichkeit.

Als ich nach fünf Tagen wieder zu Hause war, lag dort schon ein Bußgeldbescheid über die technische Unzulänglichkeit meiner Antenne. Da habe ich sofort Einspruch eingelegt und dem Einschreiben gleich das unterschriebene Exemplar des TÜVs als Beweis beigelegt. Als Antwort erhielt ich einen Brief in dem ausgedrückt wurde, dass der Bußgeldbescheid, und jetzt kommt´s, "aus Kulanzgründen" zurückgezogen würde. Da war ich richtig sauer. Aber um des lieben Friedens Willen habe ich darauf nicht mehr reagiert und noch viele Jahre mit der Antenne und der TÜV-Bescheinigung weiter erfolgreich gefunkt. Aber die wollte niemand mehr sehen.  

 

Fehlende Autopapiere

           Im Auto war eine Kurzwellen-Sende-Empfänger installiert. Er lieferte 100 Watt Hochfrequenzleistung an die Antenne. Die selbstgebaute Antenne war eine 3m lange Angelrute, die mit einem längeren Draht bewickelt war. Sie war vorne links auf dem Kotflügel befestigt, in Nähe der Windschutzscheibe. Weil ich beruflich viel unterwegs war, konnte ich mit dieser Anlage immer wieder mein Hobby ausüben. Es war ein Jahrzehnt in dem die Empfangsbedingungen besonders gut waren. Zu der Zeit war es ohne Mühe möglich, rund um den Globus zu funken. So gelang mir in der Nähe von Frankfurt eine Verbindung im 20m-Band mit einem ebenfalls fahrenden Auto auf der Route 66 in den USA. Verbindungen mit Japan und Australien schlossen sich an. Eines Tages stehe ich am Straßenrand um noch eine Verbindung mit einem Funkpartner abzuschließen. Da bemerkte ich, dass es weit vor mir blitzt, und zwar immer dann, wenn ich anfange zu senden. Da taucht auch schon eine Polizeistreife auf. Meine auffällig lange Antenne auf dem Auto hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie hätten eine Radarstation zur Geschwindigkeitskontrolle aufgebaut und meine Funkwellen würden anscheinend die Funktion stören. Sie verlangten den Führerschein und die Autopapiere. Ich fühlte… ins Leere. „Es tut mir leid, aber die habe ich zu Hause liegen.“, antwortete ich. Sie fragten, was das mit der Funkstation bei mir im Auto auf sich hatte. Ich erzählte ihnen etwas über den Amateurfunk. Dann gingen sie an ihr Auto und haben wohl mein Kennzeichen der Zentrale durchgegeben. Sie baten mich, doch den Funkverkehr in Nähe der Radarstation einzustellen, was ich auch befolgte. Sie gaben mir einen Aufforderungsschein mit, mit dem ich mich auf bei der örtlichen Polizeistation melden sollte um dort die Papiere vorzuzeigen. Das machte ich noch am gleichen Tag. Ich gab den Schein ab und erzählte die Geschichte mit den Störungen der Radarstation. Da wollte der Polizist mehr über den Amateurfunk wissen. Ich zeigte ihm meine graue Lizenzurkunde mit dem Bundesadler vorne drauf, wie beim Führerschein. Er las jede Seite. Hinten gab es eine Sondergenehmigung mit Stempel und Unterschrift, die mich berechtigte auch Amateurfunkfernsehen zu betreiben. Das faszinierte ihn. "So richtig Fernsehen?" fragte er. "Ja, aber im Rahmen des Amateurfunkgesetzes." antwortete ich. So verging gut eine Stunde, bis wir uns verabschiedet hatten. Ich hatte weder meinen Führerschein, noch die Autopapiere vorgezeigt. Das war der Amateurfunk.

 

Vom Auto in USA zum Auto in Deutschland

Es war 1980. Die Funkbedingungen auf Kurzwelle waren hervorragend. Auf dem 15m-Band hörte ich eine Mobilstation aus USA, aus dem Westen. Der OM fuhr mit seinem Pickup auf der Alaksa-Highway. Er hörte mich mit 59, ich ihn auch. Weite Verbindungen aus dem Auto mit Feststationen aus Neuseeland oder Australien hatte ich bereits gehabt.  Aber es war ein besonders Gefühl, dass mein Funksignal aus dem Auto über 7000 km in ein anderes Auto reichte.

 

Alarm an der Tankstelle

Spät abends war ich in Dinslaken auf dem Hof meiner Schwiegereltern angekommen. Ich hatte gerade noch ein laufendendes Mobil-QSO auf dem 20m-Band mit einer finnischen Station, das ich im Stand zu Ende führen wollte. Plötzlich geht auf der angrenzenden Aral-Tankstelle ein Alarm los. Ich schilderte dem Funkfreund meine Beobachtung und bat um eine Unterbrechung unseres Kontaktes. Nach kurzer Zeit traf die Polizei ein und durchsuchte das abendleere Grundstück sowie die Büroräume. Aber es war wohl ein Fehlalarm. Nachdem die Beamten abgezogen waren griff ich wieder zu Mikrofon. Und plötzlich geht der gleiche Alarm erneut los. Da wusste ich die Ursache. Ich habe mich ganz schnell verabschiedet. Wieder ein Fehlalarm.   

 

Mysteriöses Signal 

Prof. Alexander Neidenoff, DK4JN, erzählte während eines Vortrages folgende Geschichte: Er hatte für das 20m-Band eine sehr leistungsfähige Mehrelementantenne provisorisch im Garten installiert und erste Funkversuche in CW unternommen. Nach vergeblichen CQ-Rufen bemerkte er, dass, als er auf Empfang ging, gerade noch ein CW-Zeichen zu hören war. Erst dachte er an einen Störer. Aber dieses Signal kam regelmäßig nach dem Umschalten. Er drehte die Antenne in eine andere Richtung und da war es schwächer. Jetzt wurde ihm klar, dass er sein eigenes Signal hörte und zwar eine siebtel Sekunde später, nach einmaliger Erdumrundung.